Wo ist meine Grenze?
Letzte Woche standen wir uns im Kinder-Yoga gegenüber.
Immer zu zweit.
Ein Kind blieb stehen, das andere ging langsam auf es zu.
Schritt für Schritt näher.
Und das Kind, das stehen blieb, sollte nur eines beobachten:
Wann ist es genug?
Wann fühlt es sich noch gut an?
Wann wird es ein bisschen zu nah?
Wo ist eigentlich meine Grenze, wenn ein anderer Mensch auf mich zukommt?
Manche Kinder hoben die Hand schon mit viel Abstand. Andere ließen ihr Gegenüber sehr nah herankommen. Manche mussten erst ausprobieren, zurückgehen, noch einmal schauen.
Und genau darum ging es.
Nicht darum, welche Entfernung „richtig“ ist.
Sondern darum, überhaupt zu merken:
Da ist eine Grenze. Und ich kann sie wahrnehmen.
Ich habe den Kindern immer wieder gesagt:
Wenn du merkst, dass es dir zu nah wird, ist das richtig und gut.
Du musst nicht begründen, warum.
Dein Körper darf dir etwas sagen.
Das klingt vielleicht selbstverständlich. Ist es aber gar nicht.
Wir lernen sehr früh, im Außen zu funktionieren. Bitte begrüßen. Sei höflich. Stell dich dazu. Gib die Hand. Lass dich umarmen. Sei nicht so empfindlich. Stell dich nicht so an.
Und natürlich brauchen Kinder Orientierung, Regeln und soziale Fähigkeiten.
Aber daneben braucht es noch etwas anderes:
den Kontakt zum eigenen Empfinden.
Wo fange i c h an?
Wo höre i c h auf?
Was fühlt sich für mich gut an?
Wann merke ich ein Nein?
Wann möchte ich näher sein?
Wann brauche ich Abstand?
Grenzen sind für mich deshalb kein hartes Thema.
Sie sind etwas sehr Körperliches.
Eine Grenze ist zunächst einmal die einfache Erfahrung:
Hier bin ich. Und dort beginnt der andere.
Im Yoga können Kinder das auf eine sehr unmittelbare Weise erleben.
Wir spüren die Füße auf dem Boden. Die Haut. Den Raum um den Körper. Wir machen uns groß, klein, fest, weich. Wir arbeiten mit Druck und Gegenkraft. Wir beobachten, was passiert, wenn jemand näher kommt.
Und wir sprechen darüber, dass Grenzen unterschiedlich sein dürfen.
Was für ein Kind angenehm ist, kann für ein anderes schon zu viel sein.
Auch das ist wichtig.
Denn wenn Kinder lernen sollen, die Grenzen anderer zu respektieren, müssen sie zuerst erleben dürfen, dass ihre eigenen Grenzen überhaupt etwas zählen.
Ich glaube, dass genau darin später sehr viel liegt.
Selbstvertrauen beginnt nicht nur dort, wo ein Kind etwas besonders gut kann.
Es beginnt auch dort, wo ein Kind sich selbst ernst nimmt.
Wo es merkt:
Ich spüre etwas.
Ich darf diesem Empfinden Aufmerksamkeit geben.
Ich darf Abstand wollen.
Ich darf Nähe wollen.
Und ich darf meine Meinung darüber auch verändern.
Das gilt übrigens nicht nur für Kinder.
Wie oft merken wir Erwachsenen erst sehr spät, dass etwas längst zu viel geworden ist?
Ein Termin.
Eine Erwartung.
Ein Gespräch.
Ein Mensch.
Eine Aufgabe.
Wir funktionieren noch ein Stück weiter, obwohl der Körper längst enger wird.
Vielleicht ist das einer der Gründe, warum mich dieses Thema im Yoga so interessiert.
Eine Grenze ist keine Mauer.
Sie trennt uns nicht vom Leben.
Sie gibt uns Kontur.
Und erst wenn ich meinen eigenen Raum wahrnehme, kann Begegnung wirklich freiwillig werden.
Dann kann ich Nähe wählen, statt sie einfach geschehen zu lassen.
Ich kann Ja sagen.
Und ich kann Nein sagen.
Beides gehört dazu.
Im Kinder-Yoga üben wir das nicht als Theorie.
Wir üben es mit dem Körper.
Und vielleicht ist genau das die Sprache, die wir alle am besten verstehen.
Hier bin ich.
Dort bist du.
Und beides darf richtig sein.
14.September 2026.
Julia.