Die Birne. So wenig. So viel.

Die Birne. So wenig. So viel.

Der Butler kommt mir entgegen.

Ohne viele Worte nimmt er mir die Wachsjacke ab. Er fasst sie an den Schultern, sorgfältig, als wäre auch Stoff etwas, das man nicht beiläufig behandelt.

Dann schaut er auf die Birne in meiner Hand.

Ich reiche sie ihm.

Er dreht sie kurz zwischen den Fingern.

„Wunderschön.“

„Servieren Sie sie mir bitte gleich im Salon. Am Stück.“

Er nickt.

Meine Füße finden zurück in die Samt-Slipper. Das seidene Tuch lasse ich um den Hals. Mir ist noch ein wenig kühl.

Mein Haar ist feucht vom Regen. Dort, wo das Wasser auf meinem Gesicht von selbst getrocknet ist, fühlt sich die Haut etwas gespannter an. Wach.

Als ich in den Salon zurückkehre, ist das Licht verschwunden.

Draußen fällt der Regen nun dichter gegen die Scheiben.

Drinnen ist es dunkler geworden.

Ich setze mich in den Sessel und lehne mich an.

Eine Alpaka-Decke liegt über der Lehne. Ich ziehe sie über meine Beine.

Wärme sammelt sich darunter.

Dann kommt er zurück.

Auf einem kleinen Silberteller:

die Birne.

Ganz.

Sonst nichts.

So wenig.

So viel.

Ich nehme sie in die Hand.

Halte sie am Stiel.

Drehe sie langsam im Kerzenlicht.

Grün.

Gold.

Etwas Rot.

Braune, raue Stellen, an denen Wetter seine Spuren hinterlassen hat.

Ich fahre mit dem Daumen darüber.

Kühl.

Matt.

Unregelmäßig.

Echt.

Dann führe ich sie an mein Gesicht.

Ihr Duft ist fein.

Nicht verschwenderisch.

Man muss näher kommen.

Ein wenig süß.

Ein wenig grün.

Etwas Blumiges.

Zurückhaltend.

Sammelnd.

Unter ihrer Haut.

Ich beiße hinein.

Die Haut gibt weich nach.

Das Fruchtfleisch ist saftig, körnig, fast schmelzend.

Etwas Saft tritt an die Lippe.

Süße.

Wasser.

Ein Hauch Säure.

Ich kaue langsam.

In diesem einen Bissen ist so viel enthalten.

Regen.

Sprühregen.

Mairegen.

Sommerregen.

 

Sonne.

Morgensonne.

Pralle Julisonne.

Wärme.

 

Dunkle Erde.

Wurzeln.

Wasser, das durch Holz aufgestiegen ist.

 

Zeit.

Monate.

Ein ganzer Sommer.

 

Alles gesammelt.

Verdichtet.

Substanz geworden.

In dieser einen Frucht.

In meiner Hand.

In meinem Mund.

Für mich.

So wenig.

Ein Bissen Birne.

So viel.

Sonne.
Erde.
Wasser.
Zeit.

 

 

19.10.26

Julia.