Die Brieftaube
Über feine Wahrnehmung. Und Deine Freiheit, nicht jede Botschaft zu Deiner Aufgabe zu machen.
Ein Flügelschlag.
Dann landet sie auf der steinernen Brüstung.
Die kleinen Füße greifen kurz nach Halt. Der Kopf ruckt einmal zur Seite. Grau, weich, am Hals ein Schimmer von Grün und Violett.
An ihrem Bein ein dünn zusammengerolltes Stück Papier.
Du streichst mit zwei Fingern über die Federn, löst vorsichtig den Faden und nimmst den Brief ab.
So leicht.
So zart.
Eine Nachricht.
Nicht Deine.
Du kannst sie öffnen.
Du kannst sie in der Hand halten und erst später lesen.
Du kannst sie ungeöffnet neben Dich legen.
Die Taube bleibt noch einen Moment.
Warm. Lebendig. Gegenwärtig.
Dann stößt sie sich vom Stein ab.
Ein kurzer Luftzug über Deine Hand.
Und fort.
Das Papier bleibt bei Dir.
Aber die Botschaft verpflichtet Dich zu nichts.
14.Oktober 2026
Julia.