"Sitzt du bequem?"

"Sitzt du bequem?"

Bonjour,

Wie geht es Dir? 

Wie   f ü h l s t   Du    D i c h ?

Ich möchte mit Dir eine Szene teilen, die ich beobachtet habe. Die mich berührt hat. Die mit mir in Resonanz gegangen ist. Die man auf so vielen Ebenen lesen und verstehen, auf so viele Lebensbereiche übertragen kann.

Aber genau diesen Schritt bediene ich nicht.

Ich erzähle nur.

Und Du darfst es selbst mit Deiner Bedeutung füllen. Oder auch nur bezeugen.

 

Ich besuchte letzte Woche ein Hotel. Ein altes Hotel mit Geschichte, das zuletzt für neue Geschichten restauriert wurde. 

Ich mag das Gebäude. Sehr klare Architektur. Einzelne neogotische und neoromanische Elemente. Etwas Klassik. Aber zurückhaltend. Hell.

 

Ich wollte unbedingt, bevor es kalt wird, noch einmal im Innenhof sitzen.

Ein abgeschlossenes Refugium. Zu allen vier Seiten begrenzt.

Und oben offen.

Der Himmel.

 

In der Mitte steht ein großer Baum. Ein Ahorn, der sich schon leicht rot gefärbt zeigt. Und ab und an fällt bereits ein einzelnes Blatt. Ganz zart und sanft. Und landet irgendwo.

Auf dem Boden.
Auf einem der hellen Sonnenschirme.
Auf einem Tisch.
Auf welligen Damenhaar.

Zwei Brunnen, einfache große Steinschalen, aus denen es sprudelt, stehen links im Innenhof und erzeugen ein angenehmes, unaufdringliches Plätschern.

 

Der Innenhof war noch komplett leer.

Ich setzte mich auf eine der weichen Polstergarnituren. Ein Kellner war sofort da. Ich bestellte einen Kaffee.

Dann ließ ich mich zurückfallen in die dicken Polster.

Ich hatte mein Buch in der Hand. Aber ich bemerkte, dass ich einfach gar nichts tun wollte.

Nur schauen.

Und fühlen.

Mich.

Wie geht es mir eigentlich? Wo im Körper?

Und dann spüren: Was macht dieser Ort mit mir?

 

Der Kellner kam und servierte mir den Kaffee.

Eine außergewöhnliche Tasse.

Nicht außergewöhnlich auffallend.

Ich kenne den Hersteller. Sie sitzen in England. Kauf auf Anfrage.

Fine-Bone-China. Dieses Modell: modern, ikonisch, schmal nach oben gezogen. Mit feinen braunen, senkrechten Streifen. 

 

Ich nehme die Tasse mit Untertasse vorsichtig zu mir und trinke. Stelle beides lautlos auf dem flachen Steintisch wieder ab.

Jedes Mal, wenn einer der Kellnerinnen an mir vorbeigeht, nehmen sie Blickkontakt auf. Sie sind darin geschult, den Gast mit höchster Aufmerksamkeit zu lesen und immer präsent zu sein.

„Soll ich Ihnen den Heizstrahler anmachen?“

„Nein danke, die Temperatur ist noch gut.“

 

 

Dann kommt ein Paar in den Hof.

Von sehr hohem Alter.
Im besten Sinne.

Man merkt, wenn der Körper im Alter weniger trägt, wenn jeder Schritt vorsichtiger wird.

Aber ihre Präsenz!

Riesengroß.

 

Sie schienen nicht einfach zu gehen. Sie schienen jeden Schritt so bewusst zu setzen.

Langsam, aber nicht lahm.

Sondern so voller Stand.

Dieses: Ich bin ich. Und ich laufe in meinem Tempo.

 

Er trug ein Tuch um den Hals, das vom Hemdkragen begrenzt wurde, und ein Sakko aus Harris Tweed.

Sie trug graue Wellen und ein zartes Kleid, Perlen und Schuhe mit mittelhohem Absatz.

 

 

Und dann wählten sie ihren Tisch.

Sie setzten sich nicht irgendwo.

Sie gingen bedächtig, fast genussvoll durch den Hof.

Hier unter dem Schirm war es ihr zu dunkel. Dort blendete ihnen noch der Rest Sonne.

Nicht abgehoben.

Nein. So sehr wissend, was sie wollten.

Dann entschieden sie sich für einen Tisch nahe des Baumes.

Der Tisch war nicht eingedeckt. Die Stühle hatten keine Polster.

Aber dieser Tisch gefiel den beiden am besten.

Sie passten sich nicht an.

Sie wählten nach ihrem Maßstab.

Und nahmen Platz.

 

 

Sie unterhielten sich kurz, dann sagte er:

„Warte, ich hole Dir ein Polster.“

Es war sichtlich schwer für ihn aufzustehen, aber er wartete nicht auf die Bedienung. Ging zu einem Stuhl mit Polster, nahm es ab und befestigte es an ihrem Stuhl.

Sie setzte sich.

 

„Sitzt Du bequem?“

 

In dieser Frage liegt viel.

Sehr viel.

 

 

Er setzte sich wieder und da kam der Kellner an den Tisch.

„Sie sind ein Gentleman. Jetzt lassen Sie mich Ihnen noch ein Polster unterlegen.“

„Oh, sehr gerne und vielen Dank.“

 

Sie bestellten eine Flasche.

Der Kellner nahm auf, brachte sie, öffnete sie formvollendet. Schenkte ein.

Sie stießen nicht an.

Sahen sich nur an und tranken.

Unaufgeregt.

Sie zelebrierten nicht, und dennoch spürte ich, wie tief dieser Moment war.

Und zwar gerade, weil er nicht größer gemacht wurde, als es war.

Sondern im Geschehen einfach erlebt wurde.

Er wurde nicht zu etwas gemacht.

Er war da.

Genau so.

In warmer Fürsorge.

In unaufgeregt dahinplätscherndem Gespräch.

Einem ruhigen Lachen.

Dem Kellner, der zum richtigen Zeitpunkt immer wieder nachschenkte.

Die letzten Sonnenstrahlen im Hof. Begrenzt von hellem Naturstein.

Ein Blatt, das sich lautlos vom Ast löst und hinunterschwebt, bis kurz vor meine Schuhe.

 

 

Mein Kaffee ist ausgetrunken.

Die Kellnerin achtet auf mich, lässt noch etwas Zeit, bevor sie zu mir kommt.

Ich zahle und sitze noch ein wenig.

Getragen in den Polstern.

An diesem strukturierten, ausgewählten Ort, in dem alles seinen Platz hat.

 

5. Oktober 2026

Julia.