Sich selbst spüren.
Kinderyoga.
Wenn ich Kindern Yoga gebe, geht es mir nicht darum, dass sie besonders beweglich werden oder eine Haltung möglichst schön ausführen.
Mich interessiert etwas anderes: Was passiert, wenn ein Kind beginnt zu bemerken, wie es ihm eigentlich gerade geht?
Ob etwas im Bauch eng ist. Ob der Körper unruhig ist. Ob es Kraft hat. Ob es gerade eine Grenze spürt. Ob es sich etwas nicht traut. Ob es Ruhe braucht oder Bewegung.
Denn Kinder, genauso wie wir Erwachsene, funktionieren sehr viel. Schule, Kindergarten, Termine, Erwartungen, Lautstärke, andere Kinder, Anforderungen. Und irgendwo darin kann der Kontakt zu sich selbst ziemlich leise werden.
Für mich ist genau das ein wesentlicher Teil von Yoga: sich selbst wieder zu spüren.
Und damit vielleicht auch dem näherzukommen, was ich den eigenen Kern nennen würde. Dem Teil in uns, der nicht erst etwas leisten, beweisen oder werden muss.
Ich glaube, dass Kinder diesen Kern kennen sollten.
Nicht als große Idee. Sondern als Erfahrung.
Die Erfahrung: Da bin ich. So fühlt sich mein Körper an. Das ist meine Grenze. Das macht mir Angst. Das macht mich stark. Das brauche ich gerade.
Denn an diesem Kern sind wir nicht falsch.
Wir sind gut. Heil. Richtig.
In meinen Stunden gibt es deshalb immer ein Thema, das wir ein wenig gemeinsam erforschen. Gefühle. Mut. Stabilität. Grenzen. Vertrauen. Neugier. Innere Stärke.
Aber wir sprechen nicht nur darüber.
Wir machen es körperlich erfahrbar.
Wir stehen fest wie ein Baum. Wir spüren, was Stabilität im Körper bedeutet. Wir probieren aus, wie eine Grenze sich anfühlt. Wir werden groß, klein, laut, still. Und manchmal brüllen wir auch einfach wie die Löwen.
Kinder-Yoga ist bei mir nämlich nicht immer ruhig.
Es darf wild sein. Lustig. Laut. Kraftvoll. Kinder dürfen Energie haben.
Regulation bedeutet nicht, dass ein Kind möglichst still wird. Es bedeutet eher, dass es unterschiedliche Zustände kennenlernen und sich zwischen ihnen bewegen kann.
Deshalb baue ich auch bewusst kleine Übungen ein, die das Nervensystem unterstützen und den Vagusnerv ansprechen können: über Atem, Summen, Töne, längeres Ausatmen, Akupressur oder den Wechsel zwischen Aktivität und Ruhe.
Die Kinder müssen nicht wissen, was ein Vagusnerv ist.
Sie dürfen erfahren: Ich kann meinen Körper beruhigen.
Oder: So fühlt es sich an, wenn ich erst ganz viel Kraft rauslasse und danach still werde.
Am Ende der Stunde gibt es häufig eine Fantasie- oder innere Reise. Auch die ist für mich kein hübscher Zusatz.
Innere Bilder können Kindern helfen, Dinge zu erleben, für die ihnen manchmal noch die Worte fehlen. Sicherheit. Mut. Weite. Schutz. Vertrauen.
Benötigen Kinder und wir nicht genau das? Nicht noch mehr Erklärungen darüber, wie wir sein sollten. Sondern Orte, an denen wir uns selbst erleben dürfen.
Yoga kann einem Kind nicht jedes schwierige Gefühl nehmen. Und es soll auch kein Kind „ruhig machen“.
Aber es kann etwas anderes geben:
mehr Wahrnehmung.
Mehr Möglichkeiten.
Und vielleicht nach und nach diesen inneren Satz:
Ich kenne mich. Ich spüre mich. Und ich darf mir vertrauen.