Ein Blatt im September. Worte über Wertigkeit.
Der Septemberwald riecht anders als der Wald im Mai.
Würziger. Dunkler. Holziger. Feuchter.
Unter meinen Stiefeln: Bucheckern, kleine Äste, erste trockene Blätter. Die Luft ist kühl genug für die Wachsjacke, aber noch nicht kalt. Über mir bewegen sich die Kronen schneller als sonst. Der Wind geht durch die Buchen und schiebt die Wolken über den Himmel.
Auf dem Weg finde ich ein Blatt.
Ein einziges Buchenblatt, in dem drei Jahreszeiten nebeneinanderliegen. An einer Stelle noch das sprießende, frische Grün des Mai. Daneben sattes, dunkles Sommergrün. Und am Rand das Gelb-Braun des Septembers.
Ich nehme es mit.
Diese Kunst der Natur und des Lebens, sich immer wieder anders hervorzubringen. Wandel. Und trotzdem dieselbe Form.
Später betrete ich die Sandsteinvilla.
Die Wachsjacke bleibt im Entrée. Ich ziehe eine weiche Cashmere-Strickjacke über und gehe in den Salon. Draußen bewegt der Wind die Bäume noch immer kräftig. Die Wolken ziehen schnell über den Himmel und mit ihnen wandern Licht und Schatten durch den Raum. Eben noch liegt die Fensterseite hell da, wenige Sekunden später wird das Licht gedämpft.
Ich setze mich in meinen Sessel.
Und lehne bewusst die Schultern an.
Lasse sie nicht nach vorn ziehen.
Nicht schon wieder auf dem Sprung.
Ich sitze. Hier. Und beobachte, was sich zeigt.
Das Blatt liegt auf dem kleinen Tisch neben mir. Meine Strickjacke umhüllt mich. Mein Atem geht ruhig und gleichmäßig. Mein Blick schweift ohne Ziel durch den Salon.
In den letzten Wochen hat mich, in dieser Stille, eine Frage gefunden:
Entspricht mir das?
Sie klingt zunächst fast zu einfach.
Und sie hat nichts mit Arroganz zu tun. Nichts mit Abgehobenheit. Im Gegenteil. Sie setzt voraus, dass ich mich selbst überhaupt mit in eine Situation hineinnehme.
Wie geht es mir damit?
Wie fühlt es sich an, in dieser Situation, in diesem Gespräch, in dieser Arbeit, in dieser Beziehung, in diesem Alltag zu leben? Wie fühlt es sich für mich in meinem Leben an?
Möchte ich meine Lebensenergie hier und so einsetzen?
Es sind Fragen, die an den Selbstwert geknüpft sind. Wo bin ich, in meinem Leben.
Anfragen kommen und wir reagieren. Automatisiert.
Jemand braucht etwas und wir bewegen uns. Direkt.
Etwas muss geregelt werden und wir lösen, tragen, retten.
Dann, später, kommen wir. Was will ich eigentlich?
Selbstwert.
Nicht, sich über etwas oder jemanden stellen.
Sich selbst genauso ernst nehmen wie alles andere.
Der Selbstwert fragt nicht nach einem Urteil von außen.
Er fragt:
Wie geht es mir damit?
Und aus dieser Frage entstehen Entscheidungen, die ein Leben wertig machen.
Wertigkeit.
Der feine Cashmere auf meiner Haut. Der edle Teppich unter meinen Füßen. Der erlesene Tee in meiner Tasse?
Oder ist es zuallererst und vielmehr
Langsamkeit.
Zeit zwischen Impuls oder Anfrage und Entscheidung.
Zartheit.
Feinheit.
Präsenz.
Ich möchte das, was geschieht, mit allen Sinnen wahrnehmen.
Jeden Schluck Tee.
Jedes Herbstblatt.
Den würzigen Geruch von Holz und feuchter Erde.
Das Licht, das eben noch auf der Lehne meines Sessels lag und nun verschwunden ist, weil eine Wolke vor die Sonne gezogen ist.
Ich möchte weder Gefühle noch Gedanken mein Erleben so stark einfärben lassen, dass ich die eigentlichen Farben nicht mehr sehen kann.
Denn das ist dieses eine Leben.
Meines.
Ich möchte seine Wertigkeit wahrnehmen können.
Jeden einzelnen Atemzug meine Lungen genussvoll ausdehnen lassen, denn ich weiß: Auch meine Atemzüge sind begrenzt.
Gerade deshalb sind sie wertvoll.
Und wenn diese Kostbarkeit des Lebens wirklich bis in die tiefsten Schichten einsickert, verändert sich der Maßstab.
Dann werden viele Entscheidungen plötzlich klarer.
Entspricht das meiner Wertigkeit?
Wie fühle ich mich damit?
Möchte ich meine Lebensenergie so einsetzen?
Denn auch sie ist begrenzt.
Jeder Gedanke, der sich stundenlang um etwas dreht.
Jedes Ja, das eigentlich ein Nein war.
Jede aus Höflichkeit übernommene Aufgabe.
Jedes Gespräch, das ich weitertrage, obwohl ich längst müde bin.
All das ist eine Entscheidung darüber, wofür ich dieses Geschenk einsetze: meine Lebensenergie.
Ist Verantwortung Tun?
Tragen.
Kümmern.
Handeln?
Verantwortung ist auch, zu entscheiden, was ich überhaupt an meine Kraft lasse.
Ich muss nicht mehr nach vorn gebeugt sitzen und darauf warten, wo ich als Nächstes gebraucht werde.
Ich darf mich zurücklehnen.
Beobachten.
Sehen, was kommt.
Das Leben bringt ohnehin unaufhörlich Material.
Begegnungen.
Gedanken.
Farben.
Verluste.
Schönheit.
Fragen.
Und aus dem, was mir begegnet, kann ich Form machen.
Einen Text.
Ein Bild.
Eine Yogastunde.
Eine Entscheidung.
Eine Grenze.
Draußen zieht die nächste Wolke vorbei. Der Teppich liegt ruhig in ihrem Schatten, bevor seine Farben durch das durchbrechende Sonnenlicht so lebendig werden.
Das Buchenblatt liegt noch immer auf dem Tisch.
Grün. Dunkelgrün. Gelb. Braun.
Mehrere Zustände gleichzeitig.
Keine Farbe ist falscher als die andere.
Ich sitze gern hier.
Aufrecht. Zurückgelehnt. Vollkommen da.
Das Leben darf mir begegnen, ohne mich zu vereinnahmen.
Ich möchte es vollständig in mich aufnehmen.
Ohne Verschmelzung.
Ohne mich darin zu verlieren.
Ich möchte es sehen, riechen, fühlen.
Und dann daraus gestalten, was mir entspricht.
Nicht darin verschwinden.
Sondern bewusst wählen, was ich bewahre.
21. September 2026
Julia.