Der Schal.
Ich brach früh am Morgen auf. Schwere Gewitterwolken hingen bereits über den Hügeln, die das Tal begrenzten. Schiefergrau. Opulent. Bedrohlich-wunderschön. Ich griff nach meinem Schal. Wolle. Weich. Griffig. Da, wenn ich ihn benötigen würde. Ich nahm den Weg nach oben. Große und kleinere Steinbrocken. Mal trat man sicher. Mal bewegte man sich unbeholfen mit rollenden Steinen. Eine Amsel. Ja, sie begleitet oft meine Wege. Sie singt mir zu. Und ich stimme mit einer Melodie ein, die ich meiner jüngsten Tochter immer im Frühling nach ihrer Geburt summte.
Oben auf dem Kamm ist der Blick weit. Die Landschaft in alle Richtungen ein versteinertes Meer bei mäßigem Wellengang. Gut ist es hier oben. Überblick. Struktur. Sehen können. Was kommt, was nicht kommt. Ist das so?
Doch heute führt mich mein Weg hinunter. Der Kamm war nicht das Ziel. Er lag nur auf meinem Weg. Bergab geht es nun. Ebenfalls steinig. Die Knie angestrengt. Und dennoch: ein Falter fliegt so nah an mir vorbei. Ein Eichelhäher ebenfalls, bevor er sich auf einer Reihe toter Lärchen, stumme Statuen, niedersetzt und in den aufkommenden Wind singt. Eine Amsel hört drei Noten im Vorbeiflug. Der Flug.
Fingerhut. Überall. Magnta. Giftig und dennoch Kopfbedeckung für keine Waldbewohner. Schutz vor Regen. Der Wind wird stärker und kühler. Der Schal. Bis jetzt lag er um meine Schultern. Nun binde ich ihn mir um Kopf und Hals. Ich mag es warm. Im Wind.
Fast bin ich ganz unten. Noch drei Fichten, dann: Die Lichtung. In ihrer Mitte: ein einzelner Hollunderbusch. Nicht riesengroß. Nicht uralt. Aber so souverän. Wie er da steht. Der Duft erfüllt die Luft. Unterbrochen. Wenn eine Windböe ihn weiter trägt. An mir vorbei. Weg von mir.
Ich kann ihn nicht halten. Das Leben bewegt. Und das ist richtig. Alles bewegt sich. Alles wird bewegt. Wetter. Wasser. Wind. Leben. Liebe. Duft. Und dennoch: der Hollunderbusch steht. Vielleicht nicht für immer. Aber sicher lange. Und mit sich.
Erste Regentropfen fallen. Es klingt laut. Auf riesigen Blättern am Rande des Weges. Ich halte meine Nase in den Regen. Kneife meine Augen zusammen und lächle. Höre dem Trommeln auf den Blättern zu. Beuge mich hinunter. Große Dächer. Schutz.
Mein Herz empfindet Freude. Ich will weiter. Richte mich auf und gehe meines Weges. Mein Herz beginnt zu hüpfen. Und so beginne ich. Nur zwei oder drei Schritte. Gehüpft. Aber sie machen mich so frei. Kein Kamm und kein Tal. Keine Sonne und kein Regen. Nur ich. Mit meinem wollenen Schal um den Kopf.
- Juni 2026
Julia.