Der Mann am Fenster.

Der Mann am Fenster.
Da bist du ja.

Worte über Güte. 

 

Ich sitze in meinem Salon. Mit einer Tasse Tee. Grün. Nur kurz übergossen. Die Sandsteinvilla ist ruhig. Wie immer. Still steht sie. Inmitten der Landschaft. Still sitze ich, inmitten der Villa. Schaue durch die Fenster in den Garten. Zu meinen Rosen, die nun alle blühen. Altrosa. Pfirsichgelb. Tief Pink. Mit weißen Sprenkeln. 

Mein Körper fühlt sich schwer an heute. Schwer und zerrissen. 

Etwas drückt mich tief in die Polsterung des Sessels. Vor allem den Rumpf. Bin ich es? Entsteht er aus mir, dieser Druck? Halte ich mich unten? Oder ist es meine Wahrnehmung andere Menschen? Ist sie real, oder bilde ich sie mir ein? Ist es relevant, ob es mein oder ihr aufgebauter Druck ist?  Die Wahrnehmung ist real. Sie ist da. Egal woher sie kommt. 

Meine Wahrnehmung. Sie stellt sich mir gegenüber, baut sich vor mir auf, drei Meter hoch mindestens, ihre Muskeln schwellen an, sie hebt die Hand, drohend, bereit zur Backpfeife. Mit zugekniffenen Augen, hochgezogener Nase und harten Lippen sagt sie: 

Bleib klein. Bleib begrenzt. Verändere dich nicht. Wachse nicht. Dehne dich nicht aus. Hör auf weitere Anteile an dir zu entdecken, die sich nicht kontrollieren lassen. Die mich überfordern. Die mir Angst machen. Die mich dazu zwingen, das gewohnte Umfeld mit dir zu verlassen. Ich will mich nicht verändern. Ich will so bleiben. Ich will die gewohnte Sicherheit. Ja ich will auch die Größe, die ich fühle, wenn du mich fühlst und auf mich eingehst. Ich will mich in deiner Nähe weiterhin sicher fühlen können. Triggere mich nicht, mit deiner Freiheit, deiner Größe, deiner Wahrheit. Bleibt klein. 

Ich fühle diesen Anteil. Ob es meiner ist oder der eines Anderen. Ich empfinde Mitgefühl. Schuld. Ich will nicht, dass du leidest wegen mir. Ich will nicht, dass du es unbequem hast, wegen mir. Ich will nicht, dass mein Wachstum und meine Veränderung Auswirkungen auf dich haben. Es tut mir leid. Aber ich kann auch nicht zurück. Ich war oben auf dem Bergkamm. Bin unter Anstrengung hinaufgestiegen. Habe den ganzen Weg zurückgelegt. Und habe es oben gesehen. Ich habe sie gesehen. Die Weite. Die Grenzenlosigkeit. Ja – und ohne übertreiben zu wollen – die Göttlichkeit. Ich habe es gesehen. Und es lässt sich nicht mehr aus meinem Gedächtnis löschen. Ich habe es gefühlt, dort oben: Wind, Luft, Licht, Freiraum. Frieden. Und ich kann es nicht mehr aus meinem Herzen löschen. Denn mein Herz hat sich darin erkannt. Mein Herz hat Liebe empfunden, für diese Weite. Liebe entsteht, wenn uns im Außen etwas gegenübertritt, dass mit unserem Inneren übereinstimmt. Das Herz sagt: Ja. Es öffnet sich. Es fliegt ihm entgegen. Hin zur Vereinigung. Mit dem, was wir sind. Wie zwei sehnsüchtig aufeinander zustrebende Teile eines Magneten. 

Ratsch. Ein wunderschöner Brief. In der Mitte entzweigerissen. Krack. Ein gewachsener Ast. In der Mitte entzweigebrochen. Schaat. Eine geerntete Zwiebel. In der Mitte entzweigeschnitten. 

Ich. Ratsch.Krack.Schaat. Meine Wahrnehmung eines Zustandes. All das in meiner Brust. Diesem kleinen Hohlkörper, gefüllt mit Organen, Blut, Luft. Liebe.

Schwere und Zerrissenheit. In mir. Es breitet sich aus. Von meinem Brustraum in meinen Kopf. Es zerfrisst meine Gedanken. Es zerfrisst die Reflexion meiner wunderschönen Rosen auf der Netzhaut. Wie ein Netz aus schwarzem Teer breitet es sich überall aus. Besetzt. Verklebt. Verändert. Ich höre anders. Ich sehe anders. Ich spreche anders. Fremdbestimmt. 

 

Plötzlich fällt mir mein Tee wieder ein. Er dürfte in der Tasse erkaltet sein. Ich trinke einen Schluck. Ja. Kalt geworden. Weil ich nicht da war. Weil ich woanders war. In einer Möglichkeit, die nicht bewiesen ist. Die nicht sicher zuzuordnen ist. Die vielleicht sogar nur eine alte Stimme aus Kindheitstagen ist. 

Denn wenn ich mich umsehe, erkenne ich: hier bin nur ich. Erwachsen. In meinen Mittdreißigern. Mit einem Geist, der alles durchdringen will und neugierig ist. In einem Körper, der Bewegung liebt. Mit einem Herzen, dass auf dem Kamm gefunden hat, was es gesucht hat…

 

Aus dem Augenwinkel sehe ich etwas am Fenster. Etwas schwarzes. Ich drehe meinen Kopf. Eine Amsel. Viele Amseln fliegen durch meinen Garten. Durch den nahegelegenen Wald. Sie sind schön. Sie sind unaufgeregt schön. Sie sind da. Und sie singen. Mir fällt ein Lied ein, dass ich meiner jüngsten Tochter in ihrem ersten Lebensfrühling vorsang: In unsrem Garten, da sitzt ein Amselchen, der schwarze Peter und singt so schön. Singt immer Tüdelüdeltütt und ich sing‘ leise mit, singt immer Tüdelüdelütt und ich sing mit. Er träumt vom Frühling, von bunten Blumen, von blauem Himmel, vom Sonnenschein. Singt immer Tüdelüdelütt und ich sing’ leise, leise mit. Singt immer Tüdelüdelütt und ich sing’ mit. Als mein Blick der Amsel folgt, die voller Leichtigkeit auf der Mauer entlanghüpft, bemerke ich, dass die Sonne scheint. Sie beleuchtet die alten Steine der Mauer unter den zarten Füßen des Vogels. Aber nicht durchgängig. Denn die nahestehende Weide unterbricht die Sonnenstrahlen hier und da und bemalt die Mauer mit Schatten. Ob die Steine sich warm anfühlen? Ob das Licht oder der Schatten die Temperatur der Mauer bestimmt? Und wo ist die Amsel plötzlich hin gehüpft? Ich sehe sie nicht mehr. Ich will es wissen. Vergessen sind Tee und Sessel. Vergessen sind Brust und Kopf. Ich laufe voller Entdeckungsdrang zur Terrassentür. Doch vor der Tür halte ich meinen Drang kurz zurück. Ich will die Tür nicht stürmisch öffnen- sondern ganz zart und leise. Zurückgenommen. Ich will niemanden in dieser Welt da draußen verscheuchen. Ich will sie beobachten. Sehen, fühlen. Sie sollen bleiben. Sie sollen sich nicht bedrängt oder bedroht fühlen. Es beginnt in mir aufgeregt zu kitzeln. Mitten im Bauch. Ich muss lächeln. Einatmen… ok jetzt. Ein kaum hörbares: Klick. Die Tür ist auf. Ich strecke meinen Kopf heraus. Um zu sehen wer wo ist. Ich sehe nichts. Nicht die Amsel und auch sonst niemanden. Wo haben sie sich versteckt? Leise, bedächtig, einen Fuß nach dem anderen trete ich hinaus auf die Terrasse. Die Bodenplatten aus Travertin sind warm. Rau. Meine nackten Füße lieben das Gefühl. Echt. Erdig. Unverfälscht. Ich schleiche über die Terrasse in Richtung der Mauer. Schaue links und rechts. Knacks. Nicht in mir. Sondern hinter mir. Ich bleibe stehen. Drehe mich ganz langsam um. Und da steht es. Aug in Aug mit mir und doch bestimmt achtzig Meter von mir entfernt. An die Terrasse schließt eine große Wiese. Mit alten Bäumen. Dahinter nur noch Wald. Tiefer, mitteldeutscher Buchenwald. Und auf der Wiese: Ein Reh. So zart. So agil. So wachsam. Es sieht mich an. Ich sehe es an. Keiner bewegt sich. Selbst der Atem scheint angehalten. Keiner bewegt sich, denn die Nervensysteme beider Wesen, meines und das des Rehs, sind gleich. So sensibel. So wach. So präsent. Aug in Aug. Tiefbraune. Grüngesprenkelte. Atem und Atem. Herz und Herz. Synchron für einen Moment. Etwas schneller als gewöhnlich. Nur. Für. Einen. Moment. Und wir wissen um diesen Moment. Wir wissen: wenn einer sich bewegt, ist er vorbei. Mein Herz geht auf. Wie auf dem Bergkamm. So viel Liebe. Für dieses zarte Wesen. Für mich. Weil wir miteinander schwingen. Für einen Moment. Ich will sagen: Bleib. Lass uns diesen Moment auskosten. Aber mein Herz, sein Herz sagt: Nur so ist er schön. Unvorhersehbar. Unvoreingenommen. Unkontrollierbar. Unhaltbar. Un. Unter dieser Sonne. Die uns beide aus der Deckung gelockt hat. Dich auf die Terrasse. Mich auf die Wiese. Tüdelüdelütt. Unsere Blicke trennen sich. Aber nicht Ratsch.Knack.Schaat. Sondern: friedlich. In unsrem Garten. Das Reh schaut nach rechts. Ich schaue nach links. Und da sitzt sie. Ein wenig frech grinst sie mich an. Die Amsel. Auf meinem Hollunderbusch. Der sich von selbst dort angesiedelt hat. Holunderbüsche pflanzt man nicht. Sie suchen sich ihren Platz alleine aus. Dort wo es passt. Hat das Reh die Amsel auch entdeckt? Ich schaue zu ihm zurück. Es ist nicht mehr da. Stattdessen singt die Amsel. Für sich. Und für mich. Die hüpft von Ast zu Ast. Kleine fünfblättrige Blüten lösen sich aus der Dolde und segeln bis zu mir hinab. Eine landet direkt in meinem Ausschnitt. Ich erfreue mich einen Moment, an diesem Segen, bevor ich wieder zur Amsel schaue, die nun vom Busch hinunter auf die Erde segelt. Sie hat etwas entdeckt. Oh, einen Wurm. Einen dicken, fleischigen, rosafarbenen Wurm. Ich kann ihn auch sehen. Ich geh in die Hocke. Aus welcher Tiefe mag er sich nach oben gebohrt haben? Was mag er dort unten gespürt haben, ohne es zu sehen? Meine geschlichenen Schritte? Wie könnten sie sich angefühlt haben? Wie ein dumpfes, leichtes Erdbeben? Nein, dafür waren sie zu zart. Aber wer weiß? Wie könnte ich wissen, wie empfindsam der Wurm Bewegung wahrnimmt? ZACK. Jetzt hängt er im Schnabel der Amsel. Eine Seite schaut links heraus. Eine rechts. Beide Seiten winden sich. Aber nur ein wenig. Es sieht nicht wie ein Kampf aus. Vielleicht wie ein Tanz? Kraftvolle Flamenco-Arme, sich kreisende Handgelenke, gehalten vom Schnabel der Amsel. Ach Julia. Das Würmchen wird gleich gegessen und du vergleichst das mit einem Tanz? Wirklich? -  Ja warum nicht? Gefühl ist Gefühl. Im Tanz wie in im Gefressen werden. Wo ist der Unterschied? – Nein da gehe ich nicht mit. Wo ist die Pietät, Julia. 

Pietätslos. Findest du, dass ich keine Ehrfurcht habe? Hier in der Hocke die kleinen Wunder unserer Welt bestaunend? Einen kunstvollen Tanz in den natürlichen Vorgängen sehen? Dem Ganzen Präsenz schenken? Das ist Pietät par excellence! Ich sehe. Ich fühle. Mit dem Würmchen. Mit der Amsel. Und ich greife nicht ein. Denn wer bin ich. Dass ich mich in die großen Abläufe des Lebens einmische. Ich kann nur staunen. Und sie übersetzen. Für mich und meine Leser.

Während ich, noch immer in der Hocke, ehrfürchtig mein Selbstgespräch – auch das ein sehr natürlicher Vorgang - über Ehrfurcht beobachte, ist die Amsel mit dem Wurm im Schnabel längst davon gehüpft. Und ich vernehme plötzlich etwas. Einen Duft. Ja… Düfte. Sie ziehen mich immer. Welche meiner Rosen ist es. Zitrus. Litschi… ja es muss Louise Odier sein. Ich stehe auf und laufe zu ihrem Standort.  Sie mag die Sonne und steht hier dennoch gen Norden im Halbschatten der Weide, die vorhin die Mauer bemalt hat. Und blüht dennoch opulent. Ich nähere mich, mit meiner Nase voran, bis meine Nase tief in der Blüte versinkt. Zarte Blätter streicheln meine Nasenflügel und Wangen, während die Duftmoleküle in meiner Nase hinaufsteigen bis zu den Riechzellen und dort als elektrische Signale an mein Bewusstsein weitergeben werden. Zitrus. Litschi. Seife. - Sizilien. Ein Kindermund aus dem Litschisaft tropft. Ein harmonisch geformtes Waschbecken in einer großen Stadt. - Wärme auf der Haut. Wärme im Herzen. Wärme für das Auge. Ich war so lange nicht auf Sizilien. Melancholische Sehnsucht nach einer melancholischen Atmosphäre. Lange gekochtes Fleisch. Tiefdunkler Wein. Barocke Pracht, stehend im wandelnden Wetter der Herrschenden. Litschi. Das Schälen der Litschis vor den ungeduldigen Augen dreier Kinder. Die Schale, die sich in die Nägel eingräbt. Der Saft, der die Hände hinabrinnt. Als ich mir zuletzt in der großen Stadt die Hände an diesem wohlgeformten Waschbecken wusch, war ich alleine und doch nicht einsam. Ich war offen, für das was das Leben mir bringen würde. Ich füllte die Leere des Alleinseins nicht mit einer Ablenkung, sondern ließ Raum. Ließ Raum für das Leben. Dass es mich überraschen möge und ausreichend Raum vorfinden würde. Es überraschte mich. Ein Gespräch mit einem Kapuzinermönch. Über Franz von Assisi. Immobilien. Den Wald. Darüber wie Menschen sich wieder mit ihrem Kern verbinden. Leben. Danke Assoziationskette, ausgelöst durch einen olfaktorischen Reiz. Danke Louise.

Und da wird plötzlich etwas ganz still. Noch stiller. Als höre die Welt auf, sich zu drehen. Als höre die Welt kurz auf, zu atmen. Ich fühle etwas. In meinem Rücken. Es ist… angenehm. Weich. Wie eine warme Decke. Ich drehe mich um. Niemand ist da. Oh doch. Ein brauner Falter fliegt aus dem Frauenmantel hinter mir auf. Aber das ist es nicht. Ich sehe auf meine Sandsteinvilla. Wie sie da steht. In sich. Ich sehe die geöffnete Salontür, durch die der baumwollene Vorhang versucht ebenfalls nach draußen zu entkommen. Ich sehe die schwereren Vorhänge des Speisesaals in den Fenstern daneben. Und dann wird mein Blick nach oben gezogen, von allein. Jetzt weiß ich, was es ist. Von wo die Wärme kommt. Eine Wärme, die sanft meinen ganzen Körper durchströmt. Eine Wärme, die nichts will, nicht ruft, nichts zurückfordert. Die jede Faser meines Seins erfüllt und jede Faser dennoch frei lässt.

Dort steht er. An seinem Fenster. Mit seinem Buch, aus dem er im Moment liest. Ein Mann. Der Rücken gerade. Die Schultern entspannt. In sich ruhend. Er sieht mich an. Und seine Augen sagen nur: Da bist du ja. In deinem Garten. In deinen Blumen. In deinen Gedanken. In deiner Welt. 

Und du bist gut da. 

Und mir macht es Freude, dir beim Leben zuzusehen. 

 

16. Juni 2026

Julia.