Von Dingen, die uns aufrichten. Über Stuhllehnen. Porzellan. Und Teppichen.
Ein grüner Tee. Weiches Septemberlicht bricht durch die hohen Sprossenfenster. Ein dicker Teppich zwischen schwarz-weißen Marmorplatten und meinen Stiefeln. Stühle mit kunstvoll verzierten Beinen und Armlehnen. Polsterung.
Auf diesen Stühlen sitzt man automatisch nicht auf dem Sprung. Sie laden ein, zu sitzen. Sitzen. Mit etwas sitzen. Was das Leben einem bringt, erst einmal erfahren, bevor man etwas damit macht. Wahrnehmen. Ansehen. Erforschen.
Die Arme, die Hände - die tun wollen - ablegen auf dieser hölzernen Lehne.
Stell Dir vor: Eichenblätter sprießen aus dem gewundenen Knauf nach hinten die Lehne entlang. Die Eiche. Ein bedeutsamer Baum voller Geschichte. Stehend. Stabil.
Wie Alltagsgegenstände, ein Stuhl, die Menschen, die sie nutzen, still begleiten können. Wie sie über ihre Form etwas von Wertigkeit und Haltung spiegeln. Und uns im Detail immer wieder daran erinnern, welche Qualitäten wir in uns tragen oder in uns stärken möchten, um den Stürmen des Lebens standzuhalten.
Denn es geht nicht darum, das Leben vollständig in der Hand zu haben. Wir sind ihm nicht ausgeliefert, aber wir können nicht bestimmen, welche Situationen kommen und gehen. Unser Spielraum liegt oft weniger darin, was geschieht, als darin, wie wir dem begegnen.
Darin liegt unsere eigentliche Macht: in der Art, wie wir mit dem umgehen, was uns widerfährt.
Und wird der Mensch durch eine sorgsam gestaltete Umgebung - Hölzer, Ornamente, Bilder, Büsten - immer wieder daran erinnert, dass das Leben ihn nicht brechen wird, so ist diese Standhaftigkeit irgendwann verinnerlicht.
Ebenso wie seine Wertigkeit.
Was auch immer geschehen mag: Der Mensch verliert nie seine Wertigkeit.
Aber er muss sich ihrer bewusst sein.
Chinesische Vasen. In einem alten Schrank. Ich laufe hinüber und betrachte sie. Chinesische Vasen aus feinstem Porzellan, unendlich zart, mit dünnsten Pinselstrichen bemalt, zeigen dem Menschen auf, dass auch er ein so zartes Gebilde ist, das voller Liebe gestaltet wurde.
Voller Hingabe. Voller Kreativität.
Jeder Mensch ein wertvolles Unikat.
Und darin mag auch die Bedeutung dessen liegen, womit wir uns umgeben. Dinge, Räume, Stimmen, Klänge; sie bleiben nicht einfach außerhalb von uns. Der Mensch ist ein Resonanzkörper. Sie wirken auf uns. Manche machen uns größer. Lassen die Schultern würdevoll nach hinten sinken und das Kinn in Richtung Brust, wissend, wer wir sind. Manche machen uns kleiner, verunsichern uns. Bin ich genug?
Was den Menschen umgibt, bringt etwas in ihm zum Schwingen. Wie achtsam dürfen wir also sein mit dem, was wir an uns heranlassen. Mit dem, was unser Innerstes erreicht. Und ebenso bringen wir selbst etwas in anderen zum Schwingen, durch unsere Berührung, unsere Ausstrahlung.
Können Orte mit unseren Worten, dem Klang unserer Stimme, unseren Taten und Gedanken heben.
Können Schönheit und Achtsamkeit hineinbringen, wo es trist ist.
Wertigkeit, wo es hoffnungslos erscheinen mag. Wo die Kostbarkeit des Lebens vergessen gegangen sein mag.
Ich verlasse staunend die Vasen und gehe weiter über den Teppich.
Aufwendig gewebter Wollteppich.
Anders als im Entrée. Dort: Marmorplatten. Kühler, harter Stein, der überdauert. Untergrund für so viele Schritte der Bewohner und Gäste des Hauses.
Je nach Sohle, je nach Gewicht, je nach Tempo klingen die Schritte anders.
Bis man den Wollteppich erreicht.
Der erste Schritt vom harten auf den weichen Untergrund holt einen in den Moment.
Die Erde fühlt sich plötzlich anders an.
Auffangend. Dämpfend.
Wie weiches Moos auf Waldboden.
Eine abfedernde Schicht zwischen Deinem Fuß und der Erde.
Es folgt der nächste Schritt. Nun stehst Du vollkommen auf dem aufwendig gewebten Untergrund, hast die Bordüre aus Fransen, die dem Teppich Begrenzung und Form gibt, überschritten.
Du betrachtest ihn.
Tiefdunkles Rot. Blaue Ornamente. Weiße Linien, die strukturieren.
An einigen Stellen ist der Teppich ein wenig ausgetreten. Die Wolle hat nicht mehr ihre ursprüngliche Länge, das Gewebe, an das geknüpft wurde, scheint durch.
Vielleicht genau dort der Ort, an dem ein Kind jahrelang gerne spielte?
Vielleicht genau dort der Ort, auf den das Sonnenlicht morgens so schön fällt und jemand oft darin badete?
Vielleicht genau dort der Ort, von dem aus man den schönsten Blick in den Garten hat und jemand sich deshalb zu allen Jahreszeiten gerne aufhält.
Der Teppich.
Er macht den Raum wärmer.
Unterscheidet ihn von der Nacktheit, Sterilität des Entrées.
Wo dort das Geräusch der Schritte die Präsenz ankündigt, ist das Dasein auf dem Teppich intimer, privater, weniger exponiert.
Man kann sich bewegen, ohne hörbar zu sein.
Ohne von anderen wahrgenommen zu werden.
Schritte, nur für Dich und mit Dir.
Welche Schritte gehst Du auf diesem Teppich, diesem abgeschlossenen, warmen, roten Untergrund?
Auf dem Du mit Dir bist.
Auf dem, für diesen abgeschlossenen Moment, nur Du Deine Schritte wahrnimmst?
Welche Schritte gehst Du dort?
Auf diesem kostbaren Untergrund.
So viele Stunden Arbeit. Die Lebenskraft eines Menschen. So viele Lebensmonate. Das Haar eines Schafs.
Für Deine Füße.
Deine kostbaren Schritte.
Wähle jeden Schritt.
Achtsam.
Aus Dir heraus.
Für Dich.
Für Dein Leben.
Sei hier.
In Deinem Leben.
Stell Dir vor, Du liegst auf dem weichen, kostbaren Teppich.
Dein Rücken sinkt ein in die Wollfäden.
Du streckst Arme und Beine von Dir.
Die Sonne, die durch die hohen Sprossenfenster bricht, wärmt Deinen Oberkörper.
Und Du schließt die Augen vor Genuss dieses einfachen, aber grandiosen Moments.
26.September 2026
Julia.